Tayfun Belgin - Kunsthistoriker, Direktor des Osthaus Museum Hagen

Gedanken zur Kunst von Zurab Gikashvili


Zurab liebt das Spiel mit verschiedenen Ebenen in einem Bild, sei es in den

Figurenbildern oder auch in den landschaftlich geprägten Werken. Und er liebt die alten Meister, die Kunst von Jan van Eyk, Antonella de Messina, Lukas Cranach, um nur einige zu nennen. Das Realisieren von Bildern ist für ihn keine Passion, sondern ein natürlicher Vorgang. Wo andere zeitgenössisch arbeitende Maler Probleme haben mit der handwerklichen Umsetzung, ist Zurab derjenige, der quasi mit leichter Hand eine motivische Situation hinzaubert.


Bemerkenswert für mich ist die Welt der Stühle, die immer wieder auftaucht in seinen Bildern. Die Stühle wie die Häuserfassaden oder das Stillleben gehören zum Alphabet dieses Künstlers. Stühle werden aus der Vogelperspektive gezeigt, sie sind in Schichten aneinander oder hintereinander gereiht und bieten dem Zuschauer seinen optischen Platz an. Eine Aufführung findet statt oder auch nicht, der Saal wird sich füllen oder hat sich in der Vergangenheit gefüllt. Die Erzählperspektive ist vielschichtig: mal vermutet man eine mögliche zukünftige Handlung, mal ist die Handlung eine vergangene. So erzählen diese Stühle ohne Menschen mit Sicherheit mehr als Stühle, die vom Publikum besetzt sind. Wir sind das imaginäre Publikum! Es kommt hinzu, dass die Stuhlbilder – ob Einzelbilder oder mehrteilige Werke – immer auch eine konstruktive Ebene beinhalten.


Zurab scheint mit diesen Werken einen ideengeschichtlichen Diskurs zu führen. Wie wir aus dem Schönheitsideal von Platon wissen, ist die bloße Nachahmung von real Gesehenem (Mimesis) für ihn etwas simples, für den Idealstaat sogar schädliches Hingegen argumentiert sein Schüler Aristoteles, dass es nicht Aufgabe des Dichters sei, etwas mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was noch geschehen könnte. Es geht Aristoteles um Glaubwürdigkeit und nicht um die genaue Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.


Zurabs Stuhlkompositionen bieten dem Betrachter immer auch die Möglichkeit, sich in eine spezifische Situation hineinzuversetzen und die zeitlichen Perspektiven zu variieren. Eines der Schlüsselwörter für die Kunst Zurabs ist schließlich: Variation. Unendlich scheint für ihn die Möglichkeit der Variation der Stuhlmotive zu sein, auch derjenigen der Hausfassaden.


Die Hausmotive thematisieren immer auch ein außen und ein innen. Eine Fassade zeigt das Leben außerhalb der Wohnungen. Im Vordergrund mögen aufgehängte Wäschemotive stehen, die zwischen zwei Bäumen aufgehängt sind. Eine blaue Fassade verändert eine Hauswand, in dem es sie größer erscheinen lässt. Das Spiel mit Farben bei den identischen Objekten gehört daher zum Kanon von Zurab. Menschenleere Ansichten bedeuten auch nicht, dass der Mensch in Gänze abwesend ist. Er ist durch seine Hinterlassenschaft anwesend. Eben noch wurde die Wäsche aufgehängt, eben noch befand sich jemand vor der Haustür, die jetzt geschlossen erscheint, eben noch spielten hier Kinder. Das Spiel mit der zeitlichen Perspektive wird auch hier zum Thema dieser Kunst.


Faszinierend sind auch diejenigen Werke, die Innenräume mit Menschengruppen zeigen. Meist schauen die Dargestellten in unsere Richtung, ohne allerdings eine Bewegung zu vollziehen. Zurab konstruiert auch hier, in dem er seine Menschen nicht sprechen lässt, sondern ihnen – und somit auch uns – Rätsel aufgibt. Es scheint so zu sein, dass diese Menschen vor einer ewigen Fotoaufnahme stehen oder  schon so versunken sind, dass sie sich nicht mehr bewegen können – eine

ewige Meditation, zugleich ein großes Enigma.


Und bei manchen dieser Interieurs finden wir im Hintergrund Landschaftsmotive, eine weitere kompositionelle Welt von Zurab. Diese Landschaften sind mal abstrakt gehalten, mal sehr viel deutlicher ausgearbeitet. Die Bäume spiegeln sich im Wasser, der Weg verschwindet im Nirgendwo, die Realitätsebene wird verschoben. Die Einblicke in die Landschaft verdeutlichen uns, dass wir einen Naturkosmos haben, den wir gedanklich nicht erfasst haben. Ein Maler wie Zurab zeigt uns die möglichen Innenansichten, an denen wir bei unseren Spaziergängen vorbei flanieren.


Der Maler lädt seine Betrachter ein, an seinen Bildwelten teilzuhaben, mal als

potentieller Akteur, mal als genießender Betrachter. Zurabs Bilder vermitteln uns

diese Freiheit, eine Freiheit, die bildsystemisch höchsten Ansprüchen genügt. Es gilt, sich von diesem Maler einladen zu lassen.


Copyright © 2016 Tayfun Belgin